Großrundfunksender Osterloog
Ein spannendes Kapitel Radiogeschichte

1939 - 1964

Nazi-Propaganda / Die BBC-Zeit / Vom Nordwestdeutschen Rundfunk zum NDR

Mit freundlicher Genehmigung von Johann Haddinga
Fotos: Privatarchiv Sender Osterloog / Scan: Gerd Krause





Langsam, aber mit einem unheimlich tönenden  Heulen stürzte am 8. November 1997 um 11:07 Uhr, in Osterloog der  133   Meter hohe Sendefunkmast der Küstenfunkstelle Norddeich Radio zu Boden   und grub sich fast einen Meter tief in das Erdreich ein. Die Abbruchfirma    hatte ganze Arbeit geleistet. Bis zum Jahresende 1997 stellte Norddeich  Radio  den Betrieb an diesem Standort ein und konzentriert sich ganz auf neue Aufgaben  in dem benachbarten Ort Utlandshörn. Das Gelände, die Gebäude  und die noch verbliebenen kleineren Masten werden aufgegeben.  Mit dem Sturz  des mächtigen Turms in Osterloog endete zugleich für  immer ein spannendes, ganz eigenständiges Kapitel Radiogeschichte in  Ostfriesland, das zwei Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg begann.


Der Ursprung führt zurück in das Jahr 1937, wie der heute in Aurich im Ruhstand lebende Diplomingenieur Hans-Heinrich de Joung in einer kleinen Dokumentation zur Geschichte des einstigen Grossrundfunksenders schreibt. Im Auftrag des von den Nationalsozialisten beherrschten Deutschen Reiches erwarb die damalige Reichspost in Osterloog ein rund 23 Hektar grosses, wenige hundert Meter vom Nordseedeich entfernt gelegenes Gelände für den Aufbau einer gleichnamigen Sendefunkstelle. Ein Jahr später wurde mit den Bauarbeiten für das Hauptgebäude, den Quertrakt, das Maschinenhaus und die Richtstrahlantennen begonnen. Im Sommer 1939 waren die Arbeiten beendet.

Der Sender hatte eine Trägerleistung    von 100 Kilowatt.  Die  gebündelte  Energie wurde  in eine Richtantennenanlage eingespeist, die auf Mittelengland  ausgerichtet war und nach Zeitzeugenberichten   von damals   in  einer  Stärke von 900 Kilowatt dort ankam  (später  auch mit   Rundstrahlung  betrieben).  Die Antennenanlage  bestand    laut   de  Joung anfangs aus zwei über Koaxialkabel  gespeisten  Masten  von 150 Metern Höhe sowie aus je vier 120 Meter  hohen sogenannten Reflektoren und Direktoren. Die Sendeeinrichtung war für den Mittelwellenbereich von 400 bis 1060 Kilohertz ausgelegt. Die Stromversorgung  bestand  aus einer Umspannstation und einer Netzersatzanlage mit einem Dieselmotor   und Generator.



   Netzersatzanlage mit einem 960 PS Schiffs -
Dieselaggregat und einem 750 kVA Generator
Antennen - Abstimmhaus
Im Hintergrund der Kühlturm

Anfang Oktober 1939 übernahm die Oberpostdirektion Oldenburg  die Einrichtungen  in Osterloog und unterstellte sie formell der einigen    Kilometer   entfernten  Küstenfunkstelle (Hauptstelle) Norddeich-Radio. Unter der Bezeichnung "Studioanlage der Versuchssendeanlage N" ("N" vermutlich für Norddeich)  begannen am 5. Oktober erste Probesendungen. Es kann als sicher angenommen werden, dass die Anlage in Osterloog von   Beginn  an im Rahmen der deutschen Kriegsvorbereitungen errichtet wurde.  Allerdings  wurde damals und später auch behauptet, dass der Sender ursprünglich Werbesendungen eines in Grossbritannien ansässigen Unternehmens nach  England ausstrahlen sollte.

Die Frage ist, ob diese Vermutung in Wirklichkeit nicht genau so ein Täuschungsmanöver war wie der Sendestart in Osterloog, der am 24. November 1939, rund drei Monate nach Beginn des von Deutscher Seite entfesselten Zweiten Weltkrieges, offiziell erfolgte. Der Sender an der Ostfriesischen Waterkant nahm seinen Betrieb unter dem Namen "Bremen" auf, um dem Gegner den tatsächlichen Standort aus Gründen der Tarnung zu verheimlichen. Nicht einmal die Hörer im unmittelbaren Umland wurden aufgeklärt.

Ende Novenber 1939  erschien im Ostfriesischen Kurier   lediglich   eine   kurze,  verschlüsselte  Mitteilung,   in  der  es   hiess,   dass  seit    dem    24.  November    ein    "neuer Sender Bremen"
( gemeint war  Osterloog)    auf der  Mittelwelle   395,8    Meter (vorher Kattowitz)  zu empfangen  sei.  Der  bisherige  Sender   Bremen  (damals  ein Nebensender  des sogenannten Reichssenders  Hamburg) habe  deshalb seinen Namen geändert  und  sei  in "Unterweser" umbenannt  worden.


Über Art und Inhalt der über den so bezeichneten Grossrundfunksender Osterloog ausgestrahlten Programme enthalten die vorhandenen, sehr verstreuten Quellen leider einige widersprüchliche Angaben. In einigen ist von "deutschen Sendungen für ganz Nordwesteuropa", in anderen von "deutschsprachigen", aber auch von "ausschliesslich fremdsprachigen" Propaganda-Sendungen die Rede. Die Wahrheit liegt liegt in der Mitte.



Der 100 kW Mittelwellensender 
Der Senderraum mit Schaltpult

Osterloog strahlte seit Herbst 1939 das deutschsprachige Programm des Reichssender Hamburg (ab 1940 das Einheitsprogramm aller deutschen Reichssender)    aus - allerdings von Anfang an durchsetzt mit englischsprachigen Propaganda-Beiträgen   an die Adresse des Kriegsgegners. Die Sender Hamburg und Köln  hatten  sie bereits seit  März ins Programm aufgenommen. Es handelte  sich vorwiegend  um Nachrichten und Kommentarsendungen, die allerdings  nicht in Hamburg,  sondern in Berlin produziert   und von dort nach  Osterloog übermittelt  wurden.


Auf jeden Fall war Osterloog (unter militärischer  Bewachung mit  Flakschutz) während der ganzen Kriegszeit  auf England  ausgerichtet  und  dort gut zu empfangen. Doch   auch in Ostfriesland und  angrenzenden Bereichen war der Grossrundfunksender  gut hörbar, im unmittelbaren  Umfeld sogar übermässig.

Ein Norder Ohrenzeuge erinnerte sich später, dass die Feldstärke    im Herbst 1939 alle anderen Sender auf den Rundfunkgeräten   überdeckte    und den Fernempfang nahezu unmöglich machte. Sie veränderte    sich lediglich, wenn man an den Einstellknöpfen  drehte. Zitat:   "Bei uns  in Norden reichte die Feldstärke des   Senders für   einen -  wenn auch leisen - Lautsprecherempfang mit einem Detektorempfänger  aus. Ich hatte später eine solche Kombination auf meinem Nachttisch   stehen und hörte  damit   abends vor dem Einschlafen noch deutschsprachige   und Musiksendungen.

Auch der bis 1943 und nach dem Krieg in Osterloog tätige   und    heute  in Kiel lebende frühere Sendetechniker Georg  Martens erinnert   sich, dass deutschsprachige Sendungen mit eingeblendeten  englischsprachigen    Propaganda-Beiträgen  ausgestrahlt    wurden.  Aus Tarnungs-   und anderen  Gründen sei während    des    Krieges immer wieder die Sendefrequenz gewechselt worden. Man sei    zum  Beispiel häufig auf die Wellenlängen  der   fernen  Sender Königsberg oder Breslau gegangen. Ausserdem wurde   jede Stunde eine sogenannte Tastung eingeblendet,  die den von  Bombenangriffen aus England zurückkehrenden deutschen Flugzeugen als  Orientierungshife   diente. Und schliesslich sei Osterloog  auch   als  Störsender gegen  die Londoner BBC eingesetzt worden,    indem  man dieselbe Frequenz  benutzte. In Upgant Schott befand sich eine entsprechende  Empfangsstation.

Ab März 1942 bildete Osterloog zusammen mit den Sendern Hamburg  und  Langenberg vorübergehend die Norddeutsche Gleichwelle,   das heisst, diese drei Sender an unterschiedlichen Standorten strahlten auf der gleichen Welle das gleiche Programm aus, was in Überschneidungsgebieten   die Empfangsqualität  stark  beeinträchtigte. Es bestand  zu diesem Zeitpunkt weitgehend  aus  einem Einheitsprogramm aller deutschen  Reichssender - nach dem  Willen des  Reichspropagandaministers  Joseph  Göbbels.

Daneben gab es auf Langwelle den in Berlin / Königswusterhausen stationierten Deutschlandsender mit einem eigenen Programm. Ausschliesslich  für   das  Ausland bestimmt war der bereits seit Anfang der   dreissiger  Jahre bestehende Deutsche  Kurzwellensender mit vorwiegend fremdsprachigen Programmen. Ferner gab es  unter dem Gesamtbegriff  "Concordia"  sogenannte "schwarze" Geheimsender an  verschiedenen  Standorten. Sie entfalteten ihre Aktivitäten auf  stets   wechselnden   Wellenlängen und  von  fahrbaren   Sendern aus




    Dieser fahrbare, überall einsetzbare Sender der früheren deutschen Wehrmacht
- seit 1945 im Besitz der Engländer - wurde nach dem Krieg auch zeitweise in
Osterloog eingesetzt. Die Anlage bestand aus mehreren Fahrzeugen
    
Die Konzentration des "Grossdeutschen Rundfunks"   auf deutschsprachige  Einheitsprogramme im Inland hatte unter anderem   den Grund, den bei   den einzelnen Reichssendern  vorhandenen Mitarbeiterstab  im Laufe des  "totalen Krieges" abzubauen und entweder an die Front zu schicken oder   für  den Einsatz in den schon vor Kriegsbeginn  gebildeten Propagandakompanien  der Wehrmacht sowie im Auslansfunk zu nutzen.
     
Was wurde den deutschen Radiohörern im   Einheitsprogramm  währed  des Krieges geboten? Die tägliche Zusammensetzung des Wortprogramms richtete sich nach der Aktualität des Kriegsgeschens.  Das heisst: auf  langfristige Programmvorschauen   war praktisch kein Verlass. Das Musikangebot bestand hauptsächlich aus   leichten Unterhaltungssendungen,  volkstümlichen Weisen, Opern  und viel Marschmusik. Durch die    Einblendung   von täglich  bis zu sieben fremdsprachigen  Nachrichtensendungen  in  die Programme  der Reichssender  wurde  die Geduld der Hörer    ziemlich  strapaziert. Das heisst: Osterloog   war   nicht der einzige    Sender,  der  das deutschsprachige Programm durch fremdsprachige (in diesem Falle englische) Nachrichtenblöcke unterbrach. Der  Reichssender  Frankfurt,  Stuttgart und Saarbrücken brachten am  20. August 1939 zweimal abends auf Mittelwelle Meldungen  in französischer Sprache.
     
In den folgenden Jahren wurden die Fremsprachigen  Programme über Mittelwelle (Reichssender) und über den deutschen   Kurzwellensender immer stärker  ausgebaut, teilweise sogar auf  Kosten des Inlandfunks. Aus Gründen der Unterscheidung erhielt der weltweit ausstrahlende Kurzwellensender ab Anfang 1943 die Bezeichnung    "Die   deutschen Überseesender".   Die für die   Propaganda   im europäischen Bereich tätigen   Sender  trugen   bereits   seit April 1941 den Namen "Deutsche Europasender".   Auch der Sender   "Bremen" (sprich Osterloog) nannte sich deshalb fortan   Europasender.
     
Beim verstärkten Einflug englischer und   amerikanischer  Bomberverbände in das deutsche Reichsgebiet wurden   den Rundfunksendern - je nach ihrer geographischen Lage - aus "luftschutztechnischen Erwägungen" der  Wehrmacht sehr häufig längere Sendepausen verordnet.  Manche Strahlungsanlagen   stellten in  den Abendstunden und Nachts ihren  Betrieb ganz ein. In einer offiziellen Ankündigung des Einheitsprogramms des "Grossdeutschen Rundfunks" hiess es im Juni 1940: "Zuweilen spricht  unser Ortssender in einer  fremden Sprache, in den Abendstunden verstummt  er und verweist uns auf andere Sender die ihre Sendung fortsetzen;  denn  aus Gründen der Reichsverteidigung  werden einige Sender mit Einbruch  der Dunkelheit abgeschaltet."
     
1940 wurde Osterloog um einen zweiten Sender (genannt "Bremen 2") erweitert, wie Lilian-Dorette Rimmele in ihrer Dokumentation   "Der Rundfunk  in Norddeutschland 1933-1945" schreibt. Damit wurden  offensichtlich die technischen     Möglichkeiten   erheblich erweitert,  um die Sendeanlage an der ostfriesischen   Küste aufgrund ihrer Stärke und Reichweite noch effectiver und variabler   im europäischen Ätherkrieg  jener  Jahre einzusetzen. Nach dem Verlust der von Deutschen besetzten Sender in  Holland, Belgien und Nordfrankreich wurde die Auslandspropaganda  ab Herbst  1944 über Osterloog noch verstärkt.  Erst  später wurde bekannt,  dass das von hier in Richtung  England ausgestrahlte Programm zu den wirkungsvollsten Propagandawaffen der deutschen Seite zählte. Umgekehrt gelang es allerdings auch der Londoner British Braodcasting  Corporation  (BBC), mit ihrem deutschsprachigen Dienst von England aus immer mehr Hörer  in  Deutschland   zu erreichen, obwohl das Abhören ausländischer   Sender schon seit Kriegsbeginn verboten war und mit Zuchthaus oder Konzentrationslager bestraft wurde.
     
Die über Osterloog (Bremen) ausgestrahlten   englischsprachigen  Nachrichtensendungen, denen häufig ein Kommentar   folgte, wurden  laut Rimmele in Berlin  auf  Band gesprochen  und dann zur Sendung  verschickt.  Zu besonderen Anlässen  gab es auch Direktübertragungen. Die jeweilige   Ansage ist vielen  Hörern  von damals noch im  Ohr:    - "Germany   calling! Here are the Reichssender Hamburg,  station   Bremen".
      
Zum "Inbegriff" des deutschen Ätherkrieges gegen England wurde William  Joyce, ein gebürtiger Amerikaner, der in England  aufgewachsen  und der  dortigen Faschistenpartei  beigetreten  war. Seine Stimme und sein näselndes Englisch waren unverwechselbar. Der Londoner Daily  Express  bezeichnete seine Sprache als "haw-haw",  und so wurde aus  William Joyce schliesslich  der "Lord   Haw-Haw", dessen Beiträge nach vorliegenden Quellen täglich "von Millionen Engländern" gehört  wurden und sogar im Parlament häufig zur Sprache kamen. In  den  ersten Kriegsjahren nutzte Joyce die Unzufriedenheit vieler Arbeitnehmer mit der Regierung. Der britische  Rundfunk  BBC  sah  sich  sogar veranlasst, einen Ausschuss einzusetzen, um  zu untersuchen, wie "gross die Gefahr der Sendungen dieses  Mannes" sei und was  man  dagegen zun könne.  Kurz nach dem Kriege wurde Joyce von den Engländern aufgegriffen und zum Tode verurteilt.
     

Der 100kW Telefunken-Sender in der damals üblichen offenen Bauweise

Als einige Monate vor Kriegsende die Rundfunkleitungen  zwischen  Berlin, Hamburg und Osterloog immer häufiger unterbrochen wurden, richteten die verantwortlichen Stellen in  der Verstärkerstelle  Apen  an der Bahnlinie Leer-Oldenburg im  Herbst   1944 ein  provisorisches  Studio  ein, das mit dem Näherrücken  der Front Anfang  April 1945 nach Wilhelmshaven verlegt  werden musste.  Von der Jadestadt aus strahlte  Osterloog  am 5. Mai  1945   laut Hans-Heinrich de Joung die letzte "Reichssendung" aus, danach erhielt  die Sendeanlage aus diesem Studio die Anweisung, den Betrieb um 20:20 Uhr einzustellen und die Anlage  abzuschalten. Ein inzwischen auch in Osterloog eingerichtetes  Studio wurde  nicht mehr eingesetzt. Anfang April hatte das deutsche Militär sowohl  bei den Funkstellen von Norddeich Radio und Utlandshörn als auch in Osterloog rund 1000 kg Sprengstoff  gelagert,  um die Stationen im "Ernstfall"  zu vernichten, schreibt der Norder Heinz Frömming (von 1975 bis 1981 Betriebsleiter  bei  Norddeich Radio) in einer  Dokumentation. Weil  jedoch die   geballte Ladung wegen der ständigen  alliirten Tieffliegerangriffe eine ständige Gefahr für das  Personal bildete,  wurde die  Munition auf Drängen der Betriebsleitung in das Lager Tidofeld transportiert, wo der Sprengstoff nach Kriegsende durch die Unvorsichtigkeit   einiger Soldaten explodierte.
     
Als am 6. Mai zunächst Kanadische und dann britische Truppen  in das  Norderland einrückten, wurde auch Osterloog unverzüglich  besetzt.  Der  Sender   schwieg jedoch  nur einen Monat   lang. Am 5. Juni  nahm  er  den Betrieb wieder auf, allerdings  in einer  total   veränderten  Situation.  Mit nach  wie vor  100  Kilowatt    Leistung schickte er jetzt das Programm des englischen   Soldatensenders  British   Forces Network (BFN) in den Äther. Für kurze  Zeit erfolgten die Aussendungen zur   Betreuung der britischen Truppen  über  eine fahrbare  Studioanlage, die Anfang Juni in Osterloog  eintraf. Ab Ende Juli gab es eine feste Kabelverbindung zwischen den neuen  BFN Studios  in der Hamburger Musikhalle und Osterloog. Allerdings wurde im Verlauf  des Jahres (laut de  Joung und H. Brunswig, Darmstadt)  die Richtstrahlanlage  bis auf einen 150 Meter Mast und zwei 120 Meter Masten abgebaut;  die  übrigen Masten wurden abtransportiert und anderweitig verwendet.
     
Das Gastspiel des Soldatensenders dauerte nicht lange. Am 15.  September  1946 stellte der BFN seine Sendungen über Osterloog     ein,  und noch   am   gleichen Tag übernahm die Londoner BBC die Gebäude  und die technischen Anlagen, um von   nun  an bis Anfang der fünfziger Jahre von der ostfriesischen Küste  aus das BBC-Europa-Programm in mehreren Fremdsprachen auszustrahlen.  Darunter   befand sich auch  der mehrmals täglich gesendete Deutschsprachige Dienst mit einem  durchweg  objektiven Nachrichtenangebot,  Informationen,  etwas  Musik und dem Sprachkurs "Lernt Englisch  im Londoner  Rundfunk." Die während  der Kriegszeit nach England  gerichtete
Antennenanlage wurde jetzt in Richtung  Balkan abgestimmt. Zugleich wurden Modulations - und Fernsprechleitungen  von London über  Belgien  nach Osterloog geschaltet und, um etwaige Störungen  vorzubeugen,  eine sogenannte Ballempfangsanlage in Utlandshörn eingerichtet. Das unüberhörbare Pausenzeichen haben viele Hörer von damals  heute noch im Ohr. Die Betriebsleitung in Osterloog lag inzwischen wieder  in deutschen Händen - unter Aufsicht der Engländer.

     
Zeitzeugen jener Epoche sind die ehemaligen Sendertechniker  Friedrich    Janssen  und Alfred Buck aus Norden. Janssen war  zwischen 1949 und  1951  in Osterloog  tätig und  widmet diesem Kapitel einen Teil seiner  schriftlich verfassten   Lebenserinnerungen. Buck   hatte  von 1946 bis 1964 hier seinen Arbeitsplatz. Janssen: "Übel   waren  die Sender - oder Modulationsausfälle. Kaum  waren der Sender  oder  die Modulation    weg, schon klingelte der Apparat am Schaltpult, der über eine direkte  Standleitung mit der BBC London  verbunden  war. Dort wurde unser Sender offenbar   pausenlos kontrolliert.  Man fragte uns sofort in barschem Ton, natürlich   auf englisch,  was die Ursache für den Ausfall sei. Dabei fiel auch schon  gelegentlich   das Wort "Sabotage". Das Hickhack am Telefon mit den Engländern    hielt uns nur unnötig auf und war sehr hinderlich für eine sofortige   Störungsbeseitigung.
     
Janssen erinnert sich auch an ein Betriebsfest,   das damals im   Sendergebäude gefeiert wurde. Auf dem grossen Flur  im Obergeschoss  waren  weissgedeckte  Tische und Stühle   für die Betriebsangehörigen   und ihre  Partner aufgestellt,   und auf der frei gebliebenen  Fläche wurde eifrig getanzt.   Die   Musik kam von Tonbändern,  die der Chef   besorgt  oder selber bespielt hatte. Für  die Wiedergabe hatte er  sich unter anderem einen   hervorragenden  Verstärker und eine Schallwand  mit mehreren   Lautsprechern  gebaut.  Als  Chef amtierte damals Wilfried Voigt, sein   Nachfolger war Karl Kegel.
     
Obwohl die Londoner BBC die Osterlooger Anlage   bereits 1948 an    den   Nordwestdeutschen Rundfunk   (NWDR) übergab, zogen sich die  Vorbereitungen   für  die tatsächliche Übernahme durch    den NWDR   bis zum  Frühjahr  1950 hin. Die Umstellung  erfolgte   in der Nacht zum  15. März, und zwar  nach der   Einführung   des in Kopenhagen   ausgehandelten  Wellenplans  auf europäischer  Ebene.
     
Osterloog vermittelte den Hörern in Ostfriesland   von nun  an  das in Hamburg, Köln und Berlin in deutscher  Regie produzierte  Radioprogramm,  wenn es auch mit einer Leistung  von nur  5 Kilowatt.  Dennoch  wurde der Empfang des NWDR auf Mittelwelle in einigen Teilen Ostfrieslands  hörbar verbessert.  Wenige Monate später, am 1. August 1950, wurde in Osterloog für den NWDR ein erster Kurzwellensender  in Betrieb genommen.  Der dann folgende Ausbau des Kurzwellenbetriebes,  an dem auch Janssen   massgeblich beteiligt  wurde, war die Basis für die ab Mai  1953 beginnende Ausstrahlung des sowohl in deutscher  als auch in mehreren Fremdsprachen zusammengestellten  Programms der neuen "Deutschen  Welle" mit Sitz in Köln. Und ab September 1951 kam - mit Hilfe einer sogenannten Doppelschlitzantenne auf dem Mittelwellenmast   - das zweite  NWDR-Hörfunkprogramm  auf Ultrakurzwelle ("Die Welle  der Freude")  hinzu. Parallel dazu kehrte allerdings auch  die Londoner BBC  noch   einmal zurück und strahlte mit 100  Kilowatt auf Mittelwelle von Februar  1952 bis Ende März 1962  ihr Programm erneut aus. Osterloog war  wieder ein Grossrundfunksender.  
   



"Telefunken" Rundstrahl Reusen Antenne für das 41 / 49m Kurzwellenband.
Die Antenne war von 1950 - 1962 in Betrieb


Der 20kW Telefunken-Kurzwellensender. In Betrieb von 1950 - 1963
       
Alfred Buck beschreibt die Kurzwellen-Epoche der fünfziger Jahre in Osterloog so: "Die Betriebsbedingungen waren damals fast   abenteuerlich,  man  kann sich das heute kaum noch vorstellen.  Für  die Deutsche Welle wurden  im Verlauf von 24  Stunden  viermal die Frequenzen und Antennenrichtungen     gewechselt.    Besonders  beliebt war die Umschaltung nachts  um 1:30 Uhr bei Regen oder Schnee. Durch Vereisungen konnten beispielsweise die Klemmverbindungen dann  nur schwer gelöst werden. Die Antennenschalter waren im Freien aufgebaut. Überdachungen    gab es nicht."

Anfang der sechziger Jahre klang die Ära des öffentlich-rechtlichen  Rundfunks in Osterloog aus. Der alte NWDR war inzwischen in den Norddeutschen (NDR) und Westdeutschen Rundfunk (WDR) aufgeteilt worden. In Aurich und damit  günstig in der Mitte Ostfrieslands stand  nun  ein neuer Sender,   der fortan  alle NDR Programme und ab Mai 1961  - zunächst provisorisch   - auch das  Fernsehen in den Äther  schickte. Im November 1962 wurde  in Osterloog  ein 120 Meter hoher Rohrmast demontiert und nach Hamburg   verfrachtet.   Am 6. März 1964 endete die Programmausstrahlung   über Mittelwelle. Der Kurzwellenbetrieb in Osterloog war ohnehin nur eine Übergangslösung  gewesen. Die "Deutsche Welle"  bekam eine neue Zentrale in Jülich. Ein Teil der Osterlooger Mannschaft ging nach Aurich, darunter auch Alfred  Buck, ein anderer nach Jülich.

Zum 1. Juni 1964 erwarb die Bundespost das Gelände und die Gebäude in Osterloog vom NDR sowie ein  angrenzendes  Grundstück und nutzte  den  Standort bis zur Funkstille - als Sendefunkstelle für den mittlerweile  100  Jahre alten Küstenfunk Norddeich-Radio.  Doch das ist ein anderes Kapitel.

Nachdem die Küstenfunkstelle Norddeich-Radio im Dezember 1998 geschlossen wurde, stand das Sendergebäude etliche Jahre leer. Im Jahre 2005 wurde es zu einer der Informationseinrichtungen des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer umgebaut und im Juni 2006 eröffnet. Die Einrichtung nennt sich „Waloseum", deren Aufgabe darin besteht, die Öffentlichkeit über die Bedeutung des Nationalparks und die Schutzbestimmungen zu informieren. Das Ziel ist es, Menschen durch geführte Naturerlebnisse das Wattenmeer näher zu bringen und sie für seine Schutzwürdigkeit zu sensibilisieren. Ein wichtiger Arbeitsschwerpunkt ist die Information über Meeressäuger im Wattenmeer. Das Äussere des Sendergebäudes blieb unverändert, jedoch alles andere was an eine Großsendeanlage erinnert, existiert nicht mehr.

Quelle:  Ostfriesischer Kurier, Norden (Joh. Haddinga)
Fotos: Privatarchiv, Sender Osterloog (B. de Buhr) / Scan: Gerd Krause





Aktuelle Version: 1.8.4  01/2014
Die Beschreibungen zahlreicher Großsender finden Sie auf der Multimedia DVD-ROM

U.a. Burg, Donebach, Gleiwitz, Goliath, Köpenick, Königs Wusterhausen,   Zeesen, Wien
Mühlacker, Ismaning, Nauen, Osterloog, Wilsdruff (mit Video), Zehlendorf u. Leipzig-Wiederau

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